Apothekenservice für Senioren PDF Drucken E-Mail
Die Apotheken rüsten für eine älter werdende Gesellschaft. Der Fachbegriff lautet "geriatrische Pharmazie" und umfasst eine deutlich erweiterte Versorgung älterer Menschen, auch mit dem Ziel, Senioren das möglichst lange Bleiben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Ein Gespräch mit dem nordrheinischen Kammerpräsidenten Lutz Engelen. Herr Engelen, in ein paar Jahren gibt es in Deutschland mehr Menschen über 60 als unter 60. Eine große Herausforderung, auch für Apotheken. Sind Sie gewappnet?

Engelen: Mit dem Älterwerden steigt ja nicht nur die Anzahl derer, die zu versorgen sind, sondern auch die Anzahl und die Intensität der einzelnen Erkrankungen nimmt zu. Stichworte sind: mehr Alzheimer, mehr Krebs, Probleme mit dem Bewegungsapparat, die Mobilität wird stark eingeschränkt. In der Politik und Gesellschaft gibt es Überlegungen zum verstärkten Wettbewerb innerhalb des Gesundheitswesens, um wirtschaftliche Ressourcen zu schaffen. Aber die Heilberufe, ob Arzt oder Apotheker, haben als freie Berufe die Aufgaben des Staates zu einer ordentlichen Versorgung beispielsweise mit medizinischer Dienstleistung oder Arzneimitteln übernommen. Wettbewerb im Gesundheitswesen muss daher immer die Qualitätsverbesserung zum Ziel haben. Schnäppchenpreise bei medizinischen Leistungen oder in der Arzneimittelversorgung dürfen nicht das Ziel sein. Das Einzige, das funktioniert, ist, zukunftsweisende Dienstleistungen und Versorgungsstrukturen zu entwickeln und zu verbessern. Und dazu sind wir unterwegs.
 
Woher wissen Sie so genau, was die älteren Menschen brauchen?

Engelen: Zum einen aus meiner täglichen Praxis, zum anderen unternehmen wir gerade große Anstrengungen in der Versorgungsforschung. Wir erleben, dass ganz viele Menschen im Alter in Heimen leben und wir deren Versorgung optimieren können. Gerade weil im Alter Probleme durch Arzneimittel ausgelöst werden können. Ein Beispiel: Der Patient hat Bluthochdruck und erhält ein Entwässerungsmittel. Die Normdosis ist aber für den alten Menschen eventuell schon zu hoch. Der Blutdruck kann sinken, die Hirndurchblutung nimmt ab, der Gang wird unsicher, mit der Gefahr von Stürzen und Oberschenkelhalsbrüchen. Solche Arzneimittel-verursachten Probleme rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden, das können Apotheker. Das ist der Gedanke der geriatrischen Pharmazie, die gezielte, die persönliche Alterssituation berücksichtigende pharmazeutische Betreuung. Natürlich spielt auch der Präventionsgedanke dabei eine Rolle. Wir überlegen derzeit, inwieweit die öffentliche Apotheke verstärkt dazu beitragen kann, dass ältere Menschen möglichst lange alleinbestimmt in ihren vier Wänden leben können. Denkbar sind Dienstleistungen wie die Überprüfung von Wechselwirkungen, die Kontrolle des Vertrauens in die Arzneitherapie und der regelmäßigen Einnahme, das Stellen der Arzneimittel in Dosierboxen, sodass der Patient tages- und zeitgenau sieht, welche Arzneimittel er einnimmt. Solche Dienstleistungen könnte man auch ausbauen, bis hin zum Management von Arztterminen, der Versorgung mit Alltagshilfen für den Haushalt, die das Leben im eigenen Haus einfacher und sicherer machen.

Voraussetzung dafür ist, dass es auch in Zukunft noch genügend Apotheken um die Ecke geben wird.

Engelen: Das sehe ich genauso. Ein allein auf den Preis ausgerichteter Wettbewerb geht zulasten der flächendeckenden Versorgung, der Apotheke in der Nachbarschaft. Bei der Ausgestaltung der Honorarsysteme für Ärzte und Apotheker ist deren Leistung für die medizinische Versorgung und des Verbleibs des Menschen in seinem sozialen Umfeld zu berücksichtigen. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass unser Gesundheitssystem, um das uns so manche Nation in der Welt beneidet, kaputt gespart wird. Mit der Gefahr, dass Apotheke und Arztpraxis um die Ecke der Vergangenheit angehören und unpersönliche und anonyme Versorgungszentren entstehen. Apotheker und Ärzte brauchen ein angemessenes Auskommen, um frei und unabhängig allein im Interesse der Patienten zu beraten. Dazu gehört dann auch, mal von einem Medikament abzuraten, unabhängig von Umsatzvorgaben.

 

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