Passivrauchen - gefährlicher als Ozon PDF Drucken E-Mail
Die Zeit der Ozonwarungen in den Medien ist wieder gekommen. Von sportlicher Betätigung wird abgeraten und das bei schönem Wetter das geradezu zu Bewegung an frischer Luft animiert. Überbesorgte Mütter sperren ihre Kinder zu Hause ein. Im englischen Sprachgebrauch wird dann von „overprotection" gesprochen. Solche überschießenden Vorsichtsmaßnahmen können psychomotorische Entwicklungsstörungen zur Folge haben mit gleichzeitiger Verminderung der Lebensqualität. Wer möchte sich gern vom Spiel draußen im Freien, vom Schwimmen im Freibad, am See oder am Meer bei schönem Wetter abhalten lassen, ohne daß bisher der wissenschaftliche Nachweis eines gesundheitlichen Dauerschadens bei den hiesigen Ozonkonzentrationen erfolgte im Gegensatz zu den Auswirkungen des Rauchens. Das Ozon entsteht aus Sauerstoff. Durch elektrische Energie oder UV-Strahlung können die zwei miteinander verbundenen Sauerstoffatome im Sinne einer Photodissoziation in freie Sauerstoffradikale gespalten werden, die sehr reaktionsfreudig sind und sich u.a. an Sauerstoffmoleküle anlagern, sodaß Ozon (03) entsteht. Die Reaktion läuft vor allem in der Stratosphäre, also in etwa 15 bis 35km Höhe durch energiereiche UV-Strahlung ab. Die so gebildete Ozonschicht stellt eine schützende Gashülle für uns dar. Das sogenannte Ozonloch über der Antarktis aus den Fluor-Kohlenwasserstoffen (FCKW) soll hier nur erwähnt werden. Im Gegensatz zu diesem guten Ozon" in der Ozonschicht der Stratosphäre ist das bodennahe Ozon nicht gewünscht. Bei Ozonkonzentrationen über 200 mg /m3 Luft über einen Zeitraum von mehreren Stunden können bei empfindlichen Menschen Augenreizungen auftreten, bei über 300 mg /m3 Reizungen des Atemtraktes. Dies trifft nur für wenige; sehr empfindliche Personen zu. Andernfalls wäre es auch sehr erstaunlich, daß gerade im Hochgebirge, mit den deutlich erhöhten Ozonkonzentrationen z.B. in Davos, sich die Asthmatiker wie auch andere Kranke und Gesunde besonders wohl fühlen. Erhöhte Konzentrationen an Ozon sind hier geradezu ein Kriterium für reine gesunde Luft. Das aus den hohen Luftschichten stammende Ozon kann hier nicht durch Reaktion mit Ruß und Staub zerfallen. Gesundheitliche Auswirkungen auf Bergwanderer und ortsansässiges Personal sind bisher nicht beschrieben worden.
 
Die Zunahme von Ozon in den Städten bei Schönwettertagen resultiert in erster Linie durch Photooxidation von Stickoxiden, die in allen technischen Verbrennungsprozessen aus dem Stickstoff der Luft entstehen. Unter intensiver Sonnenbestrahlung wird beispielsweise aus Stickstoffdioxid ein Sauerstoffatom aktiviert, das sich mit einem Sauerstoffmolekül zu Ozon verbindet. Da Ozon mit Luftverunreinigungen, z.B. Rußpartikeln, reagieren und damit zerstört werden kann, bildet sich schließlich über Tag ein Gleichgewicht zwischen Ozonentstehung und Ozonabbau. Ein solcher Abbau ist in den Reinluftgegenden, z.B. im Hochgebirge, praktisch nicht möglich. Das heißt, die unter Sonneneinstrahlung tagsüber entstehenden Ozonmoleküle werden in der reinen Luft des Hochgebirges nachts zu einem wesentlich geringeren Teil als in den tiefer gelegenen, nachts verkehrsreicheren Städten abgebaut. Die Ozonwerte steigen am nächsten Tag unter intensiver Sonneneinstrahlung im Hochgebirge von einem höheren Ausgangswert weiter an als in städtischen Gebieten mit geringerem Ausgangswert aufgrund der nächtlichen Ozonreaktion mit der schmutzigeren Luft.

Gong und Mitarbeiter untersuchten Patienten im Alter zwischen 19 und 40 Jahren mit leichtem Asthma nach körperlichem Training in ozonfeier und ozonbelasteter Luft. An drei verschiedenen Tagen wurde jeweils eine Stunde lang bei 214 mg /m3 536 mg /m3 und 858 mg /m3 Luft und bei ozonfreier Luft trainiert. Lediglich bei den zwölf Patienten, die zusätzlich mit 858 mg /m3 Ozon pro m3 Luft belastet wurden, verschlechterte sich die Lungenfunktion etwas; um sich nach einer Stunde wieder zu normalisieren. Bei den übrigen Ozonkonzentrationen zeigte sich kein signifikanter Unterschied gegenüber ozonfreier Luft bei der Lungenfunktion. Die amerikanischen Forscher folgerten daraus, daß ein einstündiges mäßiges Körpertraining, wie es beim Freizeitsport üblich ist, auch bei steigender Ozonbelastung ein Anstrengungsasthma weder verstärkt noch auslöst.

Eine vor kurzem veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung aus Belgien (Sartor und Mitarbeiter, Environmental Res. 72, 109-117,1997) ergab, daß im „Jahrhundersommer" 1994, dem heißesten in Belgien seit 1838, die Todesfallrate der über 64jährigen mit steigender Ozonkonzentration zwischen 25 bis 85,5 mg /m3 bei Tagestemperaturen zwischen 15,6°C und 20,30° C im Jahr anstieg. An den 40 heißesten Tagen mit Temperaturen zwischen 20,4° C und 27,60° C bestand eine stärkere Korrelation der Sterblichkeitsrate zur durchschnittlichen Tagestemperatur als zur Ozonkonzentration.
 
Oft ist es die Hitze
Wenn sich Menschen an heißen Sommertagen nicht wohl fühlen, so liegt dies meist nicht an den Ozonkonzentrationen, sondern an der ungewohnten Hitze. Wer die Hitze immer meidet, läßt dem Körper auch keine Chance zur Anpassung. Hitze wird dann auch nie vertragen. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß ein kranker Organismus oft nicht mehr in der Lage ist, sich ausreichend bei Hitzeexposition anzupassen, wozu auch eine ausreichende Trinkmenge gehört. Sport in der Mittagshitze wird ein vernünftiger Breitensportler ohnehin vermeiden. Im Leistungssport kann ein solches Training einmal sinnvoll sein, wenn Wettkämpfe unter Hitzebedingungen zu erwarten sind, beispielsweise wie seinerzeit die Vorbereitung auf die Olympiade in Barcelona. Problematischer als die Ozonbelastung hierzulande ist das Passivrauchen. Law und Mitarbeiter sowie Hackshaw und Mitarbeiter veröffentlichten im British Medical Journal Studien hinsichtlich einer koronaren Herzkrankheit, z.B. Herzinfarkt bzw. hinsichtlich des Risikos, ein Lungenkarzinom durch Passivrauchen zu bekommen. Die erste Arbeitsgruppe beschäftigte sich aufgrund l9 epidemiologischer Studien mit Nichtrauchern, die mit einem rauchenden Partner zusammenlebten und an einer koronaren Herzkrankheit (Durchblutungsstörung des Herzens) litten. Das relative Herzinfarktrisiko im Alter von 65 Jahren war bei den. Passivrauchern um 23 % erhöht. Da bereits nach einmaliger kurzfristiger Exposition von Tabakrauch eine gesteigerte Anlagerung der Blutplättchen (Gerinnselbildung) nachweisbar ist, könnte dieser Mechanismus eine wichtige Rolle des Herzinfarktrisikos durch Passivrauchen darstellen.
 Die Arbeitsgruppe um Hackshaw befaßte sich mit 89 Studien zum Lungenkrebsrisiko bei Passivrauchen. Auch hier bestand für die Ehepartner von Rauchern ein um 24 % erhöhtes Lungenkarzinomrisiko. Dieses stieg mit der Dauer der Raucheinatmung und der Anzahl der vom Partner gerauchten Zigaretten an.

Eine kürzlich von Howard und Mitarbeitern in der amerikanischen medizinischen Fachzeitschrift „JAMA" 1998 veröffentlichte Studie bestätigt, daß Passivrauchen die Atheriosklerose (Arterienverkalkung) fördert. Bei dieser Studie war bei Rauchern die mit Ultraschall gemessene Wanddicke der Halsschlagader im Verlauf von drei Jahren um 50 % stärker angestiegen als bei den Nichtrauchern. Bei den Ex-Rauchern betrug die Zunahme 25 %, bei den Passivrauchern 20%. Das Passivrauchen wurde als wöchentlich über einstündiger Aufenthalt im gleichen Raum mit Rauchern definiert. Die Atheriosklerose schritt bei Rauchern genauso schnell voran wie bei Ex-Rauchern. Wie ausgeprägt die Gefäßenge zunahm, hing allein von der Gesamtzahl der bisher gerauchten Zigaretten ab. Die Wirkung des Aktivrauchens summiert sich demnach von Zigarette zu Zigarette und ist irreversibel: Eine einmal begonnene Atheriosklerose kann durch Aufgabe des Zigarettenrauchens nicht mehr gestoppt werden. Der Verzicht auf Zigaretten verhindert nur eine schnellere Zunahme der Arterienverkalkung.

Die American Heart Association (Amerikanische Herzgesellschaft) hat nach Veröffentlichung dieser Studie ihre Forderung bestärkt, daß Rauchen in der Öffentlichkeit verboten werden sollte. Es darf also ruhig die Frage gestellt werden:„Wer schützt uns vor Rauchern?" Wären nicht Warnungen in den Medien vor Passivrauchen gerechtfertigter als panikmachende Ozonwarnungen, ohne daß Ozon verharmlost werden sollte. Es scheint bereits so zu sein, daß sich die Kettenraucher aufgrund der Warnungen in den Medien vor Ozon mehr fürchten als vor den eigenen Zigaretten mit den nachgewiesenen Krankheitsfolgen.

Veröffentlicht: SPIRIDON 7/98 Seite 13